Adventskalender - 18. Dezember 2009

Der Rangierbahnhof - 1.Teil
Meine Fahrt neigte sich dem Ende zu.
"Die nächste Ausfahrt führt dich zur Heimat", flüsterte mir eine zarte Stimme zu.
Ich drosselte den Motor und verließ die Autobahn.
Eine Landstraße schlängelte sich über die schwäbische Ostalb, auf den höchsten Punkt des Ortes, zu.
Hinter den Fenstern des einzigen Hochhauses blinkten die Lichter der Weihnachtsbäume.
Auf der anderen Straßenseite hob sich der Wasserturm in die sternenklare Winternacht.
Seine blinden Fenster schienen mich mahnend zu begrüßen.
Der Ort lag unter einer frischen Schneedecke und aus den kleinen Familienhäuschen schimmerte der Frieden der Weihnachtszeit.
Nichts deutete darauf hin, dass in wenigen Stunden ein neues Jahr seine Regentschaft antreten würde.
In der Mitte des Tales teilte ein dunkles Band die Schneedecke.
Zielgerichtet lief es auf einen hell erleuchteten Punkt zu.
"Der Rangierbahnhof ist immer noch in Betrieb", lächelte ich.
Im Schritttempo fuhr ich an meinem Heimathaus vorbei, auf den Bahnhof zu.
Die vergangenen zwanzig Jahre schienen spurlos vorübergegangen zu sein.
Auf einem Parkplatz stellte ich mein Auto ab und stieg aus.
Der Bahnhof lag im Dunkeln, nur auf dem Teil, an dem die Güterzüge abgefertigt wurden, brannte Licht.
In Gedanken versunken ging ich auf einen kleinen Hügel zu.
Als Kind hatte ich beinahe jeden Tag dort gesessen und den Zügen hinterher geschaut.
Damals hatte ich davon geträumt in den Zügen zu sitzen und mit ihnen in fremde Länder zu fahren.
Dabei waren ferne Königreiche und abgelegene Inseln kein Hindernis für mich gewesen.
Feen, Zauberer und Kobolde hatten zu meinen Freunden gezählt.
In diesen Fantasien war ich ein siegreicher Feldherr und Beschützer der Schwachen gewesen,
ein Ritter und König im Land der Elfen und Zwerge.
Doch dieser Traum war im eisigen Meer der Realität zerplatzt.
Meine Geschichten wollte niemand hören.
Als mich meine Schulklasse ausgelacht und mein Vater mir verboten hatte,
jemals solche Geschichten weiterzuerzählen, versteckte sich diese Welt unter Scham und Schande.
Wenige Jahre später hatte ich diesen Ort, mit dem Schwur, ihn niemals mehr zu betreten, verlassen.
Meine Hände zitterten, als ich mir eine Zigarette anzündete und die letzten Schritte zum Hügel überquerte.
Dort angekommen sah ich den Abhang hinunter.
Ein kleiner Junge saß mit angewinkelten Knien auf dem Gras und schaute den Zügen hinterher.
"Nehmt mich mit", schien er ihnen hinterher zu rufen.
Mit beiden Armen umschlang er seine Beine.
Die kurze Lederhose, ein rotweißkariertes Hemd und ein Gesicht mit Sommersprossen übersät,
all dies gab ihm ein schelmisches Aussehen.
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