Adventskalender - 16. Dezember 2009

Anfangen
Schneeflocken tanzten aus der Dunkelheit und legten einen weichen Teppich über das Kopfsteinpflaster des Kirchplatzes.
Timo schlenderte an den Marktständen vorbei.
Zwischen Weihnachtsengeln, Christbaumschmuck und Kinderspielzeug drangen weihnachtliche Orgelklänge aus der Dorfkirche.
Durch das geöffnete Portal schwebte Weihrauch und mischte sich mit dem Duft gebrannter Mandeln,
frischgebackenem Lebkuchen und Glühwein mit Rosinen.
"Bratwürste vom Grill."
Ein junger Mann mit einer weißen Papiermütze versuchte mit lauter Stimme die Besucher an den Stand zu locken.
Timo sog den verführerischen Duft tief ein und strebte auf den kleinen Stand neben dem Weihnachtsbaum zu.
Seine Lichter schenkten den Schneeflocken einen warmen, glitzernden Glanz.
"Und hinterher Rosinen in Nugatschokolade."
Schon spürte Timo den schmelzenden süßen Geschmack
und den würzigen Zucker der trockenen Trauben von der Schokolade.
Er gratulierte sich, dass er diesen Tag, trotz des hektischen Weihnachtsgeschäftes, freigenommen hatte.
Neben dem Kinderkarussell war eine kleine Bühne aufgebaut.
Der Weihnachtsmann erzählte gerade den Kindern die Geschichte von der Schneekönigin.
"Wenn ich groß bin, möchte ich auch solche Geschichten schreiben",
rief auf einmal ein kleiner Junge und zeigte zur Bühne.
Timo lächelte und schaute auf den Jungen.
"Das wollte ich auch mal", entwischte es ihm.
Wehmütig dachte er daran, dass er bisher nicht mehr zustande gebracht hatte als einige Gedichte auf Papier zu verewigen,
die sonst niemals seinen Kopf verlassen hätten.
Nicht, dass er kein Talent gehabt hätte, nein es waren die Umstände, die ihn davon abhielten.
Dies sagte er sich zwar immer wieder, aber seine Traurigkeit verschwand dadurch nicht.
"Du, lerne erst einmal einen anständigen Beruf",
erklärte ihm seine Mutter unwirsch und zog den Knaben weiter.
"So ist es häufig", sagte hinter Timo eine Stimme zum Wurstverkäufer.
"Erst einen Beruf und dann ..."
Timo blickte auf.
Ein alter Mann stand neben ihm. Schneeweißes Haar legte sich auf den Kragen seines Pelzmantels.
Seine Hände waren wie zum Gebet gefaltet und ruhten auf seinem Bauch.
Am rechten Finger glitzerte ein Siegelring mit einem roten Diamanten.
Er musste Timos verwunderten Blick aufgefangen haben.
"So ist es, junger Mann. Dies ist alles meins."
Dabei zeigte er auf das Karussell, die Bühne und die Marktstände.
"Lerne erst einmal einen anständigen Beruf, hat mein Vater auch zu mir gesagt",lachte der Mann traurig.
"Das habe ich getan."
Genussvoll biss Timo in die Bratwurst.
Eigentlich hatte er keine Lust sich zu unterhalten,
doch die vorweihnachtliche Stimmung ließ Timo geduldig den Trübsinn des Mannes ertragen.
"Erst der Beruf ... Als ich den Gesellenbrief als Schlosser in der Tasche hatte, wollte ich Meister werden.
Dann habe ich geheiratet und ein Haus gebaut. Kinder kamen zur Welt.
Ich hab zusätzlich Maschinenbau gelernt, war mir aber zu eintönig."
Der Mann lächelte wehmütig.
"Ich wollte etwas erleben. Hab damals ein altes Kinderkarussell wiederhergestellt.
Der Besitzer konnte die Reparatur nicht bezahlen. Er hat mir das Ringelspiel geschenkt.
So fing es an", seufzte der Alte.
"Ein Stand nach dem anderen, ein Karussell und noch eins kamen dazu."
Da Timo noch hungrig war, bestellte er sich eine zweite Bratwurst.
"Lass sein", sagte der Marktbetreiber zu dem Wurstverkäufer,
der gerade das Geld in Empfang nehmen wollte. "Ich lade den jungen Mann ein."
Dann wandte er sich mir wieder zu und lächelte gewinnend.
"Kannst ja mal auf meinem Kinderkarussell mitfahren. Es ist Weihnachten, das Fest der Liebe."
Timo schmunzelte und schaute auf das Kinderkarussell. "... vielleicht sollte ich ..."
Das Angebot war zu verlockend.
"Wenn die Kinder erwachsen sind, werden wir unser Leben genießen, hab ich zu meiner Frau gesagt.
Wir verkaufen die Firma und tun, was uns beliebt." Der Mann schaute in den Nachthimmel.
Von der Bühne sang ein Kinderchor 'Stille Nacht',
die Holzscheite unter dem Grill knisterten und warfen ab und zu winzige Glutstückchen auf den Schnee,
der ihre Wärme sofort mit der weißen Kälte auslöschte.
"Die Kinder waren aus dem Haus", begann er wieder.
"Meine Frau wurde krank, letztes Jahr ist sie dann verstorben."
Der alte Mann schaute zu seinem Karussell.
"All die Jahre auf Tour, dabei habe ich vergessen zu leben. Und jetzt ist es zu spät."
Wortlos drehte sich der alte Mann um und ging zu seinem Karussell.
"Auf ihr Angebot komme ich morgen zurück", rief ihm Timo hinterher und machte sich auf dem Heimweg.
Am Rande des Weihnachtsmarktes hatten fliegende Händler ihre Verkaufsstände aufgebaut.
"Alles ein Euro", tönte es hinter einem der Verkaufstische.
Zufällig traf sein Blick auf die Ramschware.
Zwischen Weihnachtsbaumkugeln und bunten Bändern lagen einige Schreibblöcke und ein Päckchen Kugelschreiber.
Timo trat an dem Marktstand.
"Alles ein Euro", begrüßte ihn der Verkäufer.
"Ich nehme das alles." Timo zeigte auf die Schreibutensilien.
"Bitte sehr, mein Herr", freute sich der Verkäufer.
"Ist wohl für Ihre Kinder?"
"Nein!" Timo lachte. "Ist alles für mich."
"Was wollen Sie denn mit soviel Papier?", kam die verwunderte Frage hinter dem Verkaufsstand hervor.
Timo nahm die Plastiktüte, legte das Geld in die ausgestreckte Hand und schaute dem Mann freundlich in die Augen.
"Anfangen, mein Freund." Timo lächelte und blickte anschließend in den Nachthimmel.
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